Flachwagen mit Heißbrammen
Zu einem kleinen Fahrtag im September 2013 in Kevelaer brachte der befreundete Modellbahner Michael S. einen Schwung Roco-Flachwagen mit, die er mit einfachen Mitteln für den Heißbrammen-Transport umgebaut hatte: Solche Transporte von glühenden Brammen finden werksintern zwischen Stranggußanlage und Walzwerk statt, um die vorhandene Wärmeenergie für den nächsten Verarbeitungsschritt zu nutzen. Die Brammen werden dazu auf rustikalen Wagen transportiert, sie liegen auf stabilen Stahlprofilen und der Wagenboden wird durch ein Sandbett geschützt, auf welchem sich Zunderrückstande ablagern. Hier ein Link zu einem Vorbildfoto mit einem etwas anderen Wagentyp: Foto Heißtransport von Giovanni Pinna.
 
In meinem Bastelvorrat fanden sich schmale Brammen aus orange leuchtendem Kunststoff ("Hot Steel Slabs" von State, Tool & Die aus Milwaukee, USA), die schon bei Anlagenbeleuchtung eine gute Wirkung hatten. Daher wollte ich diese Wagen nachbauen und die Brammen per LEDs richtig glühen lassen. Als Bastelgrundlage habe ich ebenfalls die vierachsigen Flachwagen von Roco verwendet, die ich im gleichen Jahr günstig als 3er Set erwerben konnte. Die Idee wurde notiert, die Wagen wanderten ins Regal und dann passierte erstmal wenig.
 
 Aufbau aus dem 3D-Drucker
Als 2020 der Anycubic Mono Resin-3D-Drucker vorhanden war, habe ich den kompletten Aufbau auf Grundlage einer Handskizze in FreeCad konstruiert und mit weißem Resin gedruckt. Um die nötige Einbautiefe für das 3D-Teil zu schaffen, wurden die Metallböden der Roco-Wagen entfernt. Dazu habe ich die entsprechenden Haltebolzen abgeflext und die Böden dann herausgehebelt.
 
Die LEDs für die Beleuchtung wollte ich in einem Sockel unterhalb der Brammen unterbringen. Auf den Foto der Stellprobe ist der mittlere Wagen entsprechend ausgestattet. Ein erster Test mit zwei frei verdrahteten LEDs war jedoch nicht überzeugend. Daher sind die Wagen erneut für ein paar Jahren in einer Projektbox verschwunden.
 
Anfang 2026 habe ich das Projekt wieder hervorgeholt. Die Konstruktion habe ich überarbeitet und dabei die Stirnwände als separate Teile gedruckt. Die ersten Druckversuche mit dem neuen Elegoo Saturn 4 waren ernüchternd, die Drucklinge haben sich nach dem Entgittern erheblich verzogen. Auch die Dimensionen passten nicht. Da der neue Drucker einen größeren Bauraum hat, hatte ich die Druckteile im Slicer nur in einer Richtung schräg angeordnet, das hat sich dann als Verzug gerächt. Dabei habe ich jedoch herausgefunden, daß sich verzogene Teile nach dem Aushärten gut mit einer Heißluftpistole erwärmen und ausrichten lassen.
 
Aber ich wollte der Sache auf den Grund gehen. Mit einer etwas längeren Belichtungszeit und einer um zwei Achsen gekippten Anordnung im Slicer konnte ich das Druckergebnis erheblich verbessern. Einige Abmessungen waren immer noch nicht ideal, aber für den Weiterbau der Wagen hat es gereicht - fertig ist das Gegenteil von perfekt.
 
 Glühende Brammen - Experimente
Für die Beleuchtung musste ich mir einen neuen Ansatz überlegen. Ich habe dazu 4 SMD-LED der Bausart PLCC2 unter eine Bramme geklebt und in Reihe geschaltet. Bei einem ersten Testaufbau habe ich eine zweite Bramme mit etwas dunkler Patina zusätzlich aufgelegt. Zu meiner Freude war das Ergebnis sehr brauchbar. Die LEDs haben einen breiten Abstrahlwinkel und erzeugen eine einigermaßen gut verteilte Helligkeit. Pro Wagen habe ich acht LEDs an die untere Bramme geklebt. Dazu habe ich eine Montagelehre verwendet, die schnell mit dem FDM-Drucker fabriziert war.
 
Eine glühende Bramme kühlt zuerst an den Kanten ab und verfärbt sich dort metallisch grau. Diese Schichten sind dann dunkel und lassen das innere Leuchten nicht mehr hindurch. Diesen Effekt habe ich mit Tamiya Gun Metal nachgebildet, dazu habe ich die Farbe mit einem kleinen Schwämmchen aufgetupft und so jede Bramme einzeln patiniert.
 
Viel Überlegung ist in die Elektrik geflossen. Die Stromabnahme der Wagen erfolgt über einseitig isolierte Radsätze und Ms-Achslager von PEHO. Dazu musste ich die Drehgestelle überarbeiten. Dabei habe ich die Roco-Radsätze gegen passende RP25-Radsätze von Thomschke ausgetauscht. Im Wagenchassis musste ich Platz für die Pufferschaltung schaffen. Jeder Wagen hat dazu einen Brückengleichrichter, einen 1.000 uF Elko, einen Ladewiderstand sowie zwei Vorwiderstände für die LEDs erhalten. Außerdem musste noch Anschlussleitungen für die zweipoligen Magnetkupplungen eingebaut werden. Dies habe ich zunächst an einem ersten Baumuster improvisiert und dann Rolltests auf der Anlage vorgenommen.
 
Die Wagen sollten untereinander elektrisch verbunden sein, um Flackern zu vermeiden. Diesmal wollte ich keine Verbindungskabel verwenden, sondern habe einfache Magnetkupplungen konstruiert und mit dem FDM-Drucker hergestellt. Sie wurden ohne besondere Befestigung in die NEM-Schächte gesteckt und halten dort durch gute Passung. Je zwei Magnete mit 2 mm Durchmesser halten die Kupplungen zusammen. Ein kurzes Stück Silberdraht wurde mit den Magneten eingeklemmt und diente als Lötpunkt für extradünne flexible Litze. Nachdem dann der Einbau im Musterwagen erledigt war, habe ich die anderen beiden Wagen zügig als Serienfertigung bauen können.
 
 Patinierung und Zusammenbau
Die Roco-Chassis und die 3D-gedruckten Aufbauten habe ich mit 2K-Kleber verklebt. Die Drehgestelle und die Wagen wurden dann mit scharzem Primer und anschließen mit Tamiya German Grey gespritzt. Bei den Seitenwangen habe ich darauf geachtet, daß dort die Beschriftung weiter erkennbar bleibt. Mit Tamiya Neutral Grey habe ich dann noch helle Akzente gesetzt. Die Rostspuren habe ich anschließend mit Enamel Wash Rust Streaks von Ammo erzeugt. An den Wangen habe ich den Wash weitgehend abgestreift, am Aufbau habe ich mehr Rost stehen gelassen und mit dem Pinsel tupfend verteilt.
 
Für das Sandbett habe ich Granitschotter von ASOA verwendet. Platzhalter aus dem FDM-Drucker sorgten beim Einschottern dafür, daß noch genug Platz für die LEDSs freigeblieben ist. Den Schotter habe ich mit einem speziellen Dioramenkleber fixiert, aber der Granitschotter ist genauso nachgedunkelt wie bei der klassischen Ponalmethode. Daher habe ich die Schotterfläche nach dem Aushärten mit etwas hellgrauer Acrylfarbe trockengepinselt und Spuren von Roststaub mit Pigmenten aufgebracht. Die Anschlusskabel der LEDs habe ich dann durch eine Öffnung in der Wagenmitte eingefädelt und die Brammen mit kleinen Tropfen UHU Allzweckkleber fixiert. Nun mussten noch die Kabel auf der Unterseite des Wagens an die Vorwiderstände bzw. Masse angelötet werden und die Wagen waren einsatzfertig.
 
Bereits unbeleuchtet hat das orange Plastik mit der Patinierung eine gute Wirkung. Sobald die Gleisspannung anliegt, glühen die Brammen wunderschön vor sich hin. Das ist besonders im Nachtbetrieb reizvoll anzusehen.
 
Nach dem Bastelspaß kommt jedoch die Gretchenfrage: was macht man mit diesen Wagen? Einen Einsatz über die DB-Strecke kann ich mir nicht vorstellen. Bleibt der Binnenverkehr auf Werkbahngleisen von der Brammenhalle zu einem Walzwerk irgendwo jenseits des sichtbaren Anlagenbereichs. Hier bietet sich das Gleis hinter dem Hochofen als angenommene Verbindung zu anderen Werksteile an. Eine zweite Variante wäre, daß die Wagen bei Platzmangel als Zwischenlager für die heissen Brammen dienen, bis sie nach Abkühlung auf normale Flachwagen verladen werden können. In beiden Fällen hält sich der Spielwert in Grenzen. Wie so oft im Leben geht coole Optik nicht mit Nützlichkeit einher.
Zugschluß